Hörenswert: The Mountain Goats – „Days“

Mit ihrem 24. (!!) Studioalbum „Days“ werfen The Mountain Goats um John Darnielle einen hochpolierten und nuancierten Blick zurück auf jene Ansammlungen von Tagen, die eigentlich schon vorbei sind aber auf wundersame Weise immer wieder vor uns liegen.
Hörenswert. Das RF-Album der Woche ist zu hören am Freitag, 21.8.2026 ab 14:06 Uhr, Wiederholung am Donnerstag, 2.9.26 ab 00:00 Uhr.
All the free acid-washed blue jeans you could ever want
Voller schönster Schrammelgitarren, mitreißender Mitsingrefrains und unerschöpflicher Energie schweben The Mountain Goats immer zwischen trotziger Verzweiflung, Aufruf zum Riot und einer bunt-aufgekratzen Zusammenbruchsstimmung und das seit ihrer Gründung Anfang der 1990er-Jahre in Claremont, Kalifornien. Sie verweilen ebendort und ebendann auf „Days“ in bewährtem, knisternden Lo-Fi-Sound und konstantem emotionalen Überschuss. Das neue Album begann ursprünglich als Idee einer Grunge-Fortsetzung des Albums „Goths“ (2017, das sich mit Doc Martens und schwarzem Eyeliner der Post-Punk-Szene hingab) und als Witz, einen Song mit dem Titel „Contemplating Pearl Jam in the Carolina Dawn“ zu schreiben. Soviel Freude, Pins auf die Karte zu setzen und Committment zu den Aufgaben, aus denen sich einfach gute Geschichten machen lassen! Und das immer ungeschliffen, herzergreifend und melancholisch in strahlenden Dur-Tonarten.

Aufgenommen in den traditionsreichen Sear Sound Studios in Manhattan und produziert von John Congleton (Black Pumas, Warpaint) steckt „Days“ voll von überraschender Zugänglichkeit und trockenem Humor, mit Tasten, Hörnern und fast altmodischen Schlittschuhharmonien. Feine Bläserarrangements, locker geschlagene Gitarren und Synthesizer tragen die Lyrics zwischen Feelgood-Sounds und der gleichzeitig starren Natur der Zeit. Eine Auseinandersetzung mit der sich ändernden Bedeutung von Ereignissen und eine Architektur von vergangenen Tagen, an denen wiewahr einiges los war.
Three notes and I can name that tune, ice cream tastes good in the afternoon
Schicksale von Außenseitern und die seltsame Grausamkeit des kommerziellen Erfolgs beschwören The Mountain Goats auf „Song for Layne Staley“ herauf und treiben den rohen Beginn mit wütender Akustikgitarre und Stakkato-Gesang in hymnische Höhen. Und dann steht da der Alice-in-Chains-Frontmann im Fernsehen, der landesweit, live auf Sendung feststellt: „I don’t want this, I don’t need this„. Es werden Rock-Power-Balladen („Candlebox“) wiederbelebt, nur um unter unter deren Vorwand nostalgisch zu werden. Im Schunkel-Song „Shallow Grave“ wird fröhlich über Grabwunschorte sinniert während John Darnielle munter die Klavier-Melodie mitsingt, die „Best Hardrock Albums of 2013“ sortierte man damals akribisch in handgeschriebenen Listen, während der Himmel noch so unendlich blau war, man jeden Tag Partys besuchte und mit den besten Freunden das erste Mal high im Gras lag. Und natürlich „Woodstock“, ob man dabei war oder es nur gern gewesen wäre: „Major label contract, stoned out of his mind / pants comped by Levi-Strauss, full mouth of teeth to grind / wasn’t there a mighty flood? yes, didn’t it rain? / stand before the people, yell about cocaine“.
Die „Days“ sind jene der Geschichten und der Menschen, mal jene auf Filmmaterial, mal jene auf Grabinschriften. Ein Album, das sich anfühlt wie eine jahrzehntealte, detailreiche Dokumentation und man fragt sich ständig: Woah, war damals wirklich immer jemand mit einer Kamera mit dabei? Und, ja, tatsächlich:
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Mehr Informationen(The Mountain Goats – „Charlie Sheen Reaches Out Fot The Feds“)
Darnielle glänzt weiter wie eh und je mit den grandiosesten Songtiteln und vielschichtigen Details, die sich wie improvisiert anfühlen – das perfekte kleine Glucksen nach „maybe get a little ambitious“ in einer bestimmten Reihe von Nächten im Jahr 1976, als die englische Prog-Rock-Band Renaissance die Carnegie Hall spielte („Annie Haslam Imperial Phase“) oder die moralische Panik eines Hollywood-Promis über einen gefälschten japanischen Snuff-Film („Charlie Sheen Reaches Out to the Feds“). Es könnten alles erfundene Geschichten sein, so fast beiläufig wie irre klingen sie. Wie aneinandergereihte Schnappschüsse und retrospektiv ergeben sie das Leben.
Do you know how short the days are?
Die Tage vergehen und je öfter sie das tun, desto wichtiger erscheinen sie den Menschen. Wer hat sich nicht schon mal gewünscht, früher geboren zu sein um all die argen Dinge miterlebt zu haben? Aber irgendwo hinter der verlorenen Zeitachse zwischen den Erinnerungen und Aussichten ist dann doch noch der Kern des ganzen Seins: Diese sanfte Zuneigung für das Unscheinbare, das scheinbar Unwichtige und für die Tage müßigen Vergnügens, in denen nicht viel geschah.
„Days“ von The Mountain Goats ist am 7. August 2026 bei Cadmean Dawn erschienen.










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