Hörsturz #11: Vergnügen an Versagen

Unter den vielen Vorurteilen und Missverständnissen über nicht-kommerzielle Medien zirkuliert jenes, wonach Nicht-Kommerzialität von Dilettantismus und Unprofessionalität gekennzeichnet sei.
Man glaubt nämlich, dass diese Medien und ihre Inhalte weniger „ernst“, weniger wichtig und eben weniger „professionell“ seien, weil sie weder der Kontrolle des Marktes noch einem beruflichen Ehrenkodex unterliegen. „Wem nutzen diese Amateure überhaupt und warum sollten wir alle für ihre Hobbys zahlen?“: so war der Tenor im Online-Forum der Tageszeitung Der Standard, als die Stadt Wien die Förderungen für das Freie Radio Orange 94.0 strich. Dabei wird jedoch etwas Fundamentales außer Acht gelassen: das Antiprofessionelle und seine Funktion als Korrektiv.
Der Philosoph Michael Hirsch brachte es in Kulturarbeit (2022) auf den Punkt: „Antiprofessionell ist etwas anderes als unprofessionell. Der professionelle Amateur ist ungleich besorgter um sein eigenes Leben und seine Lebensqualität als der Professionelle. Wir halten an den emphatischen Ansprüchen an die eigene Arbeit fest. Zugleich aber schützen wir unsere Arbeit davor, von den Disziplinierungs- und Selbstzurichtungszwängen der kulturellen Systeme determiniert zu werden“ (S. 95). Dieser Mensch, der sich vom institutionellen Zwang zu befreien versucht – eben dieser „Amateur“ oder „Dilettant“ – ist seit Goethe eine suspekte Erscheinung im Kulturraum des Berufs aus Berufung. Doch seine Aufwertung, besonders in diesem Kulturraum, ist unentbehrlich, um auf folgende Fragen zu antworten: Warum nicht-kommerzielle Medien? Warum Freie Radios? Und warum widmen sich Menschen diesen?
Max Webers Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus machte deutlich, wie sich ein theologisches Merkmal in die Wirtschaftswelt übertragen hatte. Der Dilettantismus als Produkt der humanistischen Welt des 14. Jahrhunderts, in der das Mäzenatentum für die materiellen Mittel zur Kunstproduktion sorgte, blieb deren Weltansicht verpflichtet: dem Vergnügen an der neugierigen Erkundung der Schöpfung. Im industriellen Zeitalter nahm der Dilettantismus eine widerständige Stellung ein: Le plaisir, das Vergnügen des Texts (Roland Barthes), der Kunst (das intellektuelle Dandytum) oder als Lifestyle (Beat Generation), stand als Gegenstück zur bürgerlichen Fleißaskese. Es geht nicht um eine Auflösung des Berufs im Vergnügen: Das wäre eine Verschleierung der Arbeit in der Art von Self-Help- Philosophie. Vergnügen zielt vielmehr auf berufs- und berufungsbefreite Zeit ab: Arbeit ohne die Last der Mission.
Dilettantismus braucht keine Rechtfertigung: Weder der Journalist und Amateur-Kulturwissenschaftler Egon Friedell noch seine stolze Generation, die Friedrich Torberg in Tante Jolesch beschrieb, benötigten sie. Dennoch fühlen sich diejenigen, die intellektuelle Arbeit leisten, zunehmend von der Gesellschaft aufgefordert, ihre Existenz und Praxis zu rechtfertigen. Intellekt, Entdeckungslust und Vorstellungskraft gelten zunehmend als KI-delegierbar, wenn nicht verdächtig – besonders dann, wenn sie keinen unmittelbaren Tauschwert haben.
Die andauernde Krise des intellektuellen Vergnügens wird von zunehmendem Status-Wettbewerb und parallel wachsender ökonomischer Ungleichheit begleitet. Dies befeuert den Wettbewerb besonders auf den „unteren Etagen“ der Pyramide, wo Menschen, die sich theoretisch solidarisieren sollten, einander zu schlagen versuchen. Schade! Hier sollte stattdessen grundsätzliche Kritik, Veränderung und „Innovation“ entstehen, die den Betrieb der Kultur selbst hinterfragt. Plattformen bieten nur einen Anschein von Entdeckungsvergnügen und Kritikermächtigung, haben sich aber zu Garanten einer Welt ohne Lust an Entdeckung entwickelt. Selbst der staatsfinanzierte Kulturbetrieb (Kunst, Wissenschaft, Medien) richtet sich zunehmend an Kriterien der unmittelbaren Erwirtschaftung aus, als ließe sich sein Erfolg nur daran messen.
Die Erörterung des Begriffs wie „Erfolg“, neben u.a. „Nutzen“, ist stark von unserem Zeitgeist geprägt, ebenso wie seine personifizierten Gegenteile: der „Versager“ und der „Taugenichts“. Dabei zeigt sich die gesellschaftliche Notwendigkeit des „Versagens“ an der Erfüllung von Erfolgsprojektionen, die auf zunehmend prekärer Kulturarbeit beruhen. Denn Demokratiebildung, Kritik und Autonomie dürfen nicht als externalisierbare Kosten verstanden werden. Es gibt keinen Werbeplatz, dessen Wert dem Wert unabhängiger, freier Stimmen im gesellschaftlichen Zusammenhalt entspricht.
Stimmen und Medien, die außerhalb jener „Disziplinierungs- und Selbstzurichtungszwänge der kulturellen Systeme“ agieren und nicht Parteipolitik oder unternehmerischen Interessen, sondern ihrer Gemeinschaft verantwortlich sind, bilden eine grundlegende Säule der Demokratie. Die Notwendigkeit des Antiprofessionalismus, des „Versagens“ an den Moralitätsstandards der Marktgesellschaft, fördert die Möglichkeit einer Alternative, einer anderen Art (mit) zu leben.
Im Buch Das Recht auf Radio zum 25. Jubiläum des freien Senders Orange 94.0 betont Geschäftsführerin Ulli Weish die Wichtigkeit dieser autonomen Position: „Community Radio ist politisch unzuverlässig, weil sich die Beteiligten nicht ›anfüttern‹ lassen, zumal die Heterogenität und der Binnenpluralismus in den Sendeformaten und in der Gesamtorganisation einer Entwicklung eines Formatradios entgegenstehen und es daher auch keine eindeutig identifizierbare Zielgruppe im Singular gibt“ (S. 13).
In diesem utopischen Raum, der aber die Realität vieler darstellt, die in der Nichtkommerzialität und im Entdeckungsvergnügen eine neue Ethik gefunden haben, entsteht letztlich auch jener gesellschaftliche Nutzen, der Zusammenhalt bewahrt.
Davide Gnoato ist Sendungsmacher bei Orange 94.0 und macht seinen PhD in Komparatistik an der Universität Wien.







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