Es lebe die Republik!
Artarium am Sonntag, 24. April 2022 ab 17:06 Uhr
Der Krieg in der Ukraine bringt vieles ans Tageslicht, was in den letzten Jahrzehnten erfolgreich verdrängt wurde. Was allzu oft als vereinzelte Auswüchse weltweiten Wahnsinns mit dem Vermerk “leider nicht zu ändern, daher einfach aushalten” zu den inneren Akten gelegt wurde. Und was die Kulturpessimisten unter uns in ihrer düsteren Sicht auf die Zivilisation als einer längst aus dem Ruder gelaufenen Zuvielisation immer wieder bestätigt hat. Wir sind zerrissen zwischen Abscheu und Empörung angesichts all der Schrecken, die wir tagtäglich mitbekommen, wir wollen uns wehren gegen den Mahlstrom aus Information und Desinformation, der uns andauernd beplappert und umdröhnt und uns mitzureißen droht in die organisierte Ohnmacht. – Was war mit der Republik?

Die Republik ist in diesem Fall ein Freies Medium aus der Schweiz, genauer ein Online-Magazin, das ausschließlich leserfinanziert ist und ohne die sattsam bekannten Interessenskonflikte von Medien mit Werbung und kommerziellen Verlagen funktioniert. Und in dem ein Artikel namens “Russisches Kriegsschiff, fick dich!” unlängst für einige Aufmerksamkeit sorgte, und das nicht nur bei Sammlern ukrainischer Briefmarken. Yeah! Na endlich kommt inmitten all der Verstört- und Gelähmtheit auch wieder dieses Fußball-Underdog-Wirgefühl auf, das angespürs der tödlichen Bedrohung den schon verglommen geglaubten Funken des Widerstands zu ungeahnter Lebendigkeit anfeuert: “Ziagts den Bayern die Lederhosen aus!” Ich hasse jedwede erfolgsverkrampft überhebliche Siegermentalität, ganz egal wie und von wo sie daherkommt. Ich hasse die hochglanzgeklonte Message-Control der marketinggedopten Heißluftdaherplapperer – egal von welcher Firma oder Partei. Ich hasse alle “rechtgläubigen” Ideologien, die sich durch die Ausmerzung von Andersdenkenden zu irgendeinem ewigen Heil empormorden. Gehts scheißen!
Verstehen wir uns nicht falsch – dieser unabhängige Artikel ergreift Partei (was allein schon aus seinem Titel hervorgeht). Und er versucht über die gesamte Länge, die Psychopathologie des Putinismus zu ergründen. Dass man ihm dabei folgen mag, liegt wohl auch an der literarischen Vorgeschichte seines Autors: Constantin Seibt (wie er leibt und schreibt) hat sich als Jugendlicher “Stile kopierend durch die Weltliteratur gefälscht”. Das bemerkt man definitiv, etwa an solchen Sprachbildern:
“Es war, als wäre man in einen Albtraum hinein erwacht”.
Doch abgesehen von derartigen, im Journalismus leider selten gewordenen Perlen der Formulierkunst, gelingt seinem Artikel zudem auch inhaltlich Schmackhaftes: Nämlich den so fassungslos machenden Angriffskrieg auf die Ukraine weltpolitisch einzuordnen und dabei eine Unmenge von Querverweisen zum Selbstweiterdenken bereit zu stellen. Zum Beispiel die (vielleicht gar nicht so) erstaunliche Verwandtschaft der großrussischen Propaganda zu Steven Bannons “Flood the zone with shit!”
Das Schrecklichste ist das Gefühl der eigenen Ohnmacht und Ausgeliefertheit beim Versinken in diesem uns gefickt eingeschädelten Informationstreibsand. “Dem Leben eigeninitiativ gegenüber zu treten” ist wiederum ein Aspekt psychischer Gesundheit. In diesem Sinn stiftet uns die Republik wie gewünscht zum Denken an. Was könnte “zone“ (einmal abgesehen vom medialen Kampfplatz) noch bedeuten? Die Agora der klassischen Demokratie vielleicht, der eigentliche Debattenraum, das Dialogforum?
Probiotisch antiviral könnte man also jetzt sagen: “Flood the shit with zone!”
Sendungen zum Nachhören
Takeshi’s Cashew
Dass es hier in nächster Zeit die eine oder andere musikalische Neuentdeckung zu erleben gibt, das hat sehr viel mit Hans Webersdorfer zu tun. Besser gesagt mit der nach ihm benannten Straße im Süden Salzburgs. Dorthin werde ich nämlich jetzt eine Zeit lang unterwegs sein.…
Austrodrama – Album von Mwita Mataro
Machen wirs kurz: Im Jahr 2025, als wir selbst gerade mit der Produktion unserer dokumentarischen Erzählung “IN BETWEEN. Ein Doppelportrait” beschäftigt waren, geriet ein lieber Kollege, den ich noch aus seiner Salzburger Zeit kenne, in den Fokus unserer Aufmerksamkeit. Mwita Mataro hatte da soeben seinen…
A Mediterranean Odyssey
Nach über 15 Jahren gedeihlicher Zusammenarbeit schließt sich hiermit einer von nicht wenigen Kreisen, die eine spontan-assoziative, musik/textdramaturgische sowie themenvielfältige Arbeitsweise wie die unsere immer und immer wieder in neugieriger Bewegung gehalten haben. “A Mediterranean Odyssey” von Loreena McKennitt, ein ganzes Album, das im Zusammenwirken…
Die Hundeblume
Ein Mann sitzt im Gefängnis. Warum? Für wie lange? Man weiß es nicht. Das einzige, was wir wissen, ist, dass er in Einzelhaft ist und dass er sich dabei sehr genau beobachtet: “Und nun hat man mich mit dem Wesen allein gelassen, nein, nicht nur…
Das wilde Denken
Aha, wohl eine Sendung über Hannah Arendt, die ja gesagt haben soll, “Denken ist Zwiesprache mit sich selbst.“ Und über die unlängst ein ziemlich genialer Dokumentarfilm mit dem Titel “Denken ist gefährlich” erschienen ist? Aber nicht doch … oder … das kommt schon auch noch.…

Lass' uns einen Kommentar da