Hörenswert: Arab Strap – „Half-Told Tales“

30 Jahre nach der ersten Single „The First Big Weekend“ ist es Zeit für eine Halbzeit – „Half-Told Tales“, das 9. Album der Schotten Arab Strap ist voll hyperdetaillierten Erzählungen über das Verrinnen der Zeit. Fix ist: Je beschissener die Welt ist, desto besser ist Arab Strap.
Hörenswert. Das RF-Album der Woche ist zu hören am Freitag, 11.9.2026 ab 14:06 Uhr, Wiederholung am Donnerstag, 17.9.26 ab 00:00 Uhr.
You’ve got virtue, I’ve got sin
I like truth, and you like spin
Wenn eine Band ihren Namen nach einem Sextoy benennt, ist die Verheißung von rauer Menschlichkeit und ungeschönter Beziehungsrealität groß. Arab Strap hört man einmal und ist sofort fasziniert vom tiefen Bariton Aidan Moffats, der intimen und rauen Sprecherzählung, in der seduktiv mit schwerem schottischem Dialekt durch die Geschichte menschlichen Verlangens geführt wird. Vom Nebel Falkirks zur Institution des schottischen Realismus finden Sänger und Drummer Aidan Moffat und Multiinstrumentalist Malcolm Middleton seit 1995 gemeinsame und gegenteilige Vorlieben in düster-kargem US-Indie, Ausflüge in Elektro-Akustik ab dem ersten Album „The Week Never Starts Round Here“ (1996) und etablieren mit den Weggefährten von Chemikal Underground einen rohen Gegenentwurf zum sauberen Britpop. Den Auswirkungen des Post-Thatcher-Großbritanniens mit zerschlagenen Hoffnungen, melancholisch-verklärtem Alkoholismus und existenzieller Leere wird mit feucht-fröhlichen Exzessen kompensiert.

Let your bombshell detonate above me
Das Duo löst sich 2006 auf, um zehn Jahre später fulminant zurückzukehren. Nach „As Days Get Dark“ (2021) und dem besten Albumtitel aus 2024, „I’m totally fine with it don’t give a fuck anymore” geben Arab Strap jetzt zwar auch recht wenig Fuck aber mit gewohnt schwarzem Humor, stiller Nachdenklichkeit und Punk-kompatibler Lakonie ist „Half-Told Stories“ ein Werk der Zeit: Wie nutzt man seine verbleibende Zeit, ohne in Apathie zu verfallen? Was ist der antreibende Motor, wenn der ungestüme Rausch der Jugend verflogen ist? Das Verlangen konzentriert sich nicht mehr nur auf den Moment, sondern auf das wirkliche Sicher-seins seiner Selbst und das wahrhaftige Erkennen der eigenen Existenz.
„The album title sounds like a fairy tale book, until you get to the end of the record and you realise that I’m talking about lives that have ended too early. That’s something that just seems to be part of your life when you get to your fifties. You become acutely aware that you’re in that final third of your life.“
(Aidan Moffat)
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Mehr Informationen(Arab Strap – „You You You“)
She still wears that Star Wars dress
my EuroDisney vampiress
Der Opener „I Get Noise“ schlägt mit schweren, knirschenden Gitarrenriffs und donnernden Drums entlang eines frei mäandernden Saxofons zu, während Moffat trocken über den Wunsch nach Einsamkeit in einer schreienden Welt sinniert. „You You You“ drischt mit Gitarrenlinien und einer schimmernden Disco-Hommage rein und erinnert daran, dass nicht alle Menschen schlecht sind, sondern dass sie genauso viel Angst haben wie du und mit sich und der Welt ringen. Finster und satirisch wird es in „Glamour Magick“ zwischen bizarren Blüten der Selbstoptimierungs-Industrie und Jugendwahn, filigrane Klavierlinien und zärtliche Beats lösen in „Be a Man“ Männlichkeitsmythen auf. Und es wird fulminant abgerechnet mit hohlem Nationalismus: „Turn and face the blast / and hope you don’t survive“ und einer Aufzählung pikfeiner Locations in „Fighting for you“, von wo aus die rechtsextremen Demagogen scheinbar für „das Volk“ kämpfen.
Die Musik von Arab Strap ist auch nach 30 Jahren wie ein poetisches Seziermesser, voll kratziger Eleganz, smoother Schönheit und auditiver Frische. Und letztendlich ist es exakt der bissige Unterton der Band, der antreibt: Die Zukunft des Glücks lässt durchhalten, nicht die Gegenwart. Die Menschlichkeit, die wieder kommen wird und der Normalzustand, der nicht mehr Verzweiflung sein wird.
„Half-Told Tales“ von Arab Strap ist am 4.9.2026 via Rock Action Records/[INTEGRAL] erschienen.

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