Perlentaucher Nachtfahrt: Im Weltkrankenhaus
Freitag, 11. September 2020 ab 22 Uhr:

Woran krankt die Welt? Versuch aus einer Stadt, die von allerlei Symptomen des “Großen Welttheaters” gezeichnet ist – und in deren Schauspielgeschichte es von Allegorien nur so wimmelt: Mammon, Glaube, Tod – geschenkt. Frau Welt hat das Coronavirus, nebst Hitzewallungen, Mundtrockenheit und Wasser, wos nicht hingehört. Ist diese Klimakrise ein ernstes Anzeichen für das Klimakterium der Menschheit (Die letzten Tage Reloaded) oder für eine schleichende Vergiftung durch die Weltwirtschaft?In unserem Weltkrankenhaus versammeln sich die besten Diagnostiker (von Dr. House bis Dr. Manson), um nichts Geringeres zu vollbringen, als die Welt zu retten. Und um zu erörtern, inwieweit das überhaupt (noch) möglich ist. Sonst – schlägts Dreizehn!
“Grüß Gott, ich bin der Arzt. Und sssippe sssappe!” Lachen soll ja gesund sein, vor allem wenns ernst wird. Dr. Hund und Dr. Hase sind stellvertretend überfordert mit dem Ernst der Situation. Was? Die Welt geht unter? Da müssen wir schnell den Müll trennen, Biofleisch kaufen und mehr Elektroautos produzieren! Treffen sich zwei Planeten. Sagt der eine: “Du, ich hab Menschen.” Sagt der andere: “Mach dir keine Sorgen, das geht auch wieder vorbei.” Unlängst hab ich den Film “Das Kapital im 21. Jahrhundert” gesehen, in dem Dr. Paul Piff sein “Monopoly-Experiment” erläutert. Dabei stellt sich heraus, dass Menschen, die durch den Zufall eines Münzwurfs reich werden und gewinnen, diesen Umstand schon bald als eigenen Verdienst durch eigene Leistung ansehen und sich ihren (durch Zufall armen) Mitspielern gegenüber zunehmend rücksichtslosverhalten. Dr. Harald Lesch zeigt uns hier das Experiment in deutscher Sprache…

Wie krank muss eine Welt sein, dass sie solche Symptome hervorbringt, wie sie unter anderem von Dr. Helnwein und Dr. Manson dargestellt werden. Eine “bessere Gesellschaft”, die sich für (grundlos!) auserwählt hält, bringt alles um, was nicht in ihre Wahnvorstellung von Recht und Ordnung passt. Das Weltkrankenhaus in guter Absichtkommt jetzt unweigerlich an die Kapazitätsgrenze des Fassbaren: “The Punk-Rocker deserved to die – because he looked the way he did.” So kommentiert Marilyn Manson die Ermordung von Brian Deneke. Machen wir uns nichts vor, dieser “Einzelfall” (es sind deren unzählige) ist auch nur ein einzelnes Symptom einer bösartigen Krankheit. Aber welche kann das sein? Kapitalismus? Fernsehwerbung? Glaubensplemplem? Oder ist es gar das Zusammenwirken all dieser – und noch anderer, bislang unerkannter Seuchen? Wir hatten doch so schöne Hoffnungen und Träume (High Hopes) und dann kommt Dr. Ariadne von Schirach und diagnostiziert uns “Die psychothische Gesellschaft”, eine systemische Erkrankung, die das Überleben der Menschheit in Frage stellt…
Allerdings lautet der Untertitel ihrer als Buch erschienenen Diagnose auch “Wie wir Angst und Ohnmacht überwinden.” Das legt immerhin die Hoffnung nahe, dass es Hoffnung gibt. Und die hegen ja auch wir bis zuletzt, sonst würden wir hier nicht mehr hörbar in Erscheinung treten. Und im Weltkrankenhaus Doktor spielen mit der Frage: “Was ist los mit dieser Menschheit, dass ringsum zunehmend der Wahnsinn regiert?” Ich hätte da noch eine Diagnose, die alle bisherigen Symptome erklären könnte: Die Welt leidet nicht einfach nur an Menschheit, sondern an deren Erwachsenensyndrom. Nicht das Heranwachsen, die Geschlechtsreife oder die Fertigkeiten der Lebensgestaltung – nein, das nachträgliche Abwerten der eigenen Kindheit im (falschen) Bewusstsein, etwas geleistet und “es geschafft” zu haben, wodurch man auch glaubt, ein Recht auf Macht über andere zu besitzen – just wie im erwähnten Monopoly-Experiment…

Für diese Erkrankung suchen wir derzeit noch nach einer geeigneten Therapie.
Sendungen zum Nachhören
Osessed with Home (Perlentaucher CXCIII)
Wir wollten schon lange einmal eine Sendung mit dem Wort “obsessed” machen – und hier ist sie. Denn – warum auch immer – das englische “obsessed” bringt eine Fülle von nicht ganz bis ins Detail fassbaren Zwischentönen und Schattierungen hervor, ganz anders als der deutsche…
Ich will mich integrieren (Perlentaucher CXCII)
Es ist schon erstaunlich – auf die Frage, was ihnen bei dem Satz “Ich will mich integrieren” als erstes in den Sinn kommt, fällt den meisten “in eine Gruppe”, “in die Gesellschaft”, “in diesen oder jenen Arbeitsablauf” und dergleichen mehr ein. Daran, dass diese Absicht…
Lost and Found (Perlentaucher CXCI)
Damit hier kein Mistverständnis aufkommt: So einfach ist es auch wieder nicht. Lost and Found ist nicht irgend ein Fundbüro, wo verloren gegangene oder vergessen geglaubte Sachen sich ansammeln, auf dass man sie irgendwann später vielleicht einmal wieder anfindet. Aber irgendwie halt schon auch. Nur…
Phantastische Gefühlswesen (Perlentaucher CXC)
…und wo sie zu finden sind? Phantastische Gefühlsfische (die wir diesmal mit freundlicher Erlaubnis der Autorin verwenden) könnt ihr in dem Buch “Heute bin ich” von Mies van Hout aus dem aracari Verlag finden. Und hoffentlich geht es euch dabei so wie mir, als ich…
komm mops komm (Perlentaucher CLXXXIX)
Am 1. August des heurigen Jahres hätte Ernst Jandl seinen 100. Geburtstag feiern können, wenn er nicht am 9. Juni des Jahres 2000 gestorben wäre. Sein Vermächtnis jedoch lebt in uns weiter. Sein Verständnis von Dichtkunst war wegweisend und ist es immer noch. Sein Umgang…










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