Hörenswert: Fortunato Durutti Marinetti – “Bitter Sweet, Sweet Bitter”

Die fein gesponnenen, leicht rockigen Kunstlieder des Italo-Kanadiers Daniele Colussi tragen den melancholischen Charme einer durchzechten Nacht in sich.
Inmitten der filigranen Orchestrierung steht Colussis dünne und verletzlich wirkende Stimme, die an die Attitüde eines Lou Reed erinnert. Mit poetischem Charakter beseelt, aber trotzdem völlig unaufgeregt sind es die feinen Töne, die auf “Bitter Sweet, Sweet Bitter” Spannung erzeugen.
Hörenswert. Das RF-Album der Woche ist zu hören am Freitag, 05.09.2025 ab 14:08 Uhr, Wiederholung am Donnerstag, 11.09.25 ab 00:00 Uhr.
Im Prinzip ist “Bitter Sweet, Sweet Bitter” ein unterhaltsames, nie zu aufdringlich werdendes Album mit sehr soften Elementen von Rock, Jazz, Soul und natürlich Singer-Songwriting mit einer recht koketten poppigen Ader. Wenn da nur nicht dieser Ausdruck in Colussis Stimme wäre, mit dem er seine poetischen Texte umsetzt. Es scheint der Geist der Aufklärung zu sein, die Ernüchterung, wenn ein Rausch sich dem Ende nähert, die Desillusion mit all ihren Erkenntnissen und Einsichten. Von all dem scheint uns Colussi zu erzählen. Das wirkt aber nicht besonders mitteilungsbedürftig oder pathetisch. Vielmehr erinnert es an eine Art von Gespräch in der Kneipe, bei dem das Gegenüber fehlt.
In dieser Beiläufigkeit und der gekonnten Orchestrierung liegt der tiefgründige Charme des Albums, das sehr gekonnt mit den Genres spielt. Es ist schon fast ein Akt der brechtschen Verfremdung, den Opener des Albums mit all seiner Nonchalance mit “Full of Fire” zu betiteln, wo dieser trotz des lyrisch-jazzigen Gitarrensolos doch so lässig und luftig klingt. Da ist die Betitelung des Albums schon aussagekräftiger.

Mit der Vision eines großen Klanges im Kopf
Der Rest ist recht schnell erzählt. Immer mit der Vision eines großen Klanges im Kopf arrangiert Colussi auf “Bitter Sweet, Sweet Bitter” Streichersätze, Bläsersätze, Duette und schafft gleichzeitig viel Platz für seine Stimme und kleinere Soloparts für die Instrumentalisten. Fast unmerklich stehen die Songs in steter Metamorphose und wechseln sowohl die Stimmung, als auch musikalische Teile. Das ist große Kunst. Und so langsam können wir die Tiefe hinter der Vordergründig doch recht poppig wirkenden Schicht entdecken.
Hinter “Bitter Sweet, Sweet Bitter” verbirgt sich auch der große Akt der musikalischen Freiheit, indem hier auf Basis von Klang und nicht nach musikalischen Konventionen orchestriert wird. Das hat Colussi mit Bands wie Cake, Tindersticks oder auch Leonard Cohen gemeinsam.
Melancholischer ‘Easy Listening‘. Kann es sowas überhaupt geben? In diesem Zusammenhang ist interessant, welche Reaktionen “Bitter Sweet, Sweet Bitter” hervorrufen wird. Denn von ‘Egal’ bis hin zu ‘ganz große Kunst’ ist wohl alles möglich.
“Bitter Sweet, Sweet Bitter” ist am 08. August 2025 auf Quindi erschienen.
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