Hörenswert: Kiki Annette – „And Scene!“

Es ist schon alles ziemlich fancy, auf dieser Bühne, mit all den Lichtern und Geschichten, die auf ihren Auftritt warten: Vorhang auf, Vorhang zu, und dazwischen eine Stimme, die weiß, dass der Abend ihr gehört.
Kiki Annette liefert mit „And Scene!“ glamourösen Abgrund-Folk und cineastischen Pop Noir für alle, die einen Entschluss gefasst haben: Tagsüber Zirkus, abends Theater.
Hörenswert. Das RF-Album der Woche ist zu hören am Freitag, 22.5.2026 ab 14:06 Uhr, Wiederholung am Donnerstag, 4.6.26 ab 00:00 Uhr.
When I am on my best behaviour I am practically their saviour
Dass Musikerinnen, die auch dem Theater nicht abgeneigt sind, immer die interessanteren Alben machen, ist mit einigen der Großen, Anna Mabo, Christiane Rösiger oder Anaïs Mitchell, eh klar. Dass man hier auch musiktheatrale Inszenierungen hinzuzählen darf, ist der Niederländerin Kiki Annette zu schulden, nicht umsonst trägt sie u. a. die Ehrentitel „Manchesters Phoebe Bridgers“, „die Bürgermeisterin der Berliner Straßenmusikerszene“, „eine Künstlerin, die Leonard Cohen beneidet hätte“, oder ihr Favorit: „das Mädchen mit der Stimme“. Seit den ersten vier Singles in der zweiten Hälfte 2025 ist einiges passiert: ein Orchesterkonzert mit den Berlin Session Strings im Clärchens Ballhaus, Headliner im Badehaus Berlin und beim Feral Folk Festival in Weißensee, ein ausverkaufter Albumshowcase in Amsterdam im De Roode Bioscoop.
Ihr Debütalbum „And Scene!“ ist eine große Inszenierung, aber nicht seiner selbst. „And Scene!“ ist eine galant geführte Abendvorstellung aus retroesken Kompositionen, die von barocker Opulenz fließend in Backstage-Settings wechseln und dort gleich große, weiche, tiefe Samtstühle zur Verfügung stellen. Die Charaktere sind kurzweilig, keiner bleibt länger als eine Songlänge und überlässt ohne große Aufregung dem Nachfolger die Bühne. Musik zum Innehalten, zum Dreivierteltakt-Wippen in schwach beleuchteten Räumen und um sich sehr genaue Gedanken über das Scheitern und die Schönheit zu machen.
Forgiveness is too delicate a thing to mess around with
Gemeinsam mit Produzent Cameron Laing wurde das Debütalbum in den The Famous Gold Watch Studios in Berlin aufgenommen. Auf zehn Tracks entfaltet sich ein weit gelegtes Feld aus Indie-Folk-Noir, Melancholie und subtilen Pop-Strukturen, die sofort Lust auf „Hadestown“ von Anais Mitchell machen oder an Dusty Springfield denken lassen. Kiki Annette inszeniert nicht ob des Effekts, sondern für eine dichte, schwer fassbare Atmosphäre – gespenstische Hotelzimmer, schwere Samtvorhänge, flüchtige Begegnungen, Verzweiflung und französische Filme, Glamour und Herzschmerz, Suche nach Verbindung und Phantomen. Und das alles gesehen als ein laufender Film, der entweder kein Ende hat oder wo die Geschichte nie ganz erzählt wird.
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Mehr Informationen(Kiki Annette – „Arrows“)
And if I were to tell you you’ll return to Paris in a big black designer coat
Alles bleibt irgendwie ein Geheimnis, der Mensch hinter der Stimme, die Größe der Erzählbühne und nach jedem Song die Frage, wie es weitergeht. Kein Wunder, schon der Opener „Saint“ eröffnet gleich wie ein James-Bond-Titeltrack. Dann ist da „Icarus“, der von gedämpfter Intimität aufsteigt zu langsam anschwellender Erhabenheit und den bevorstehenden Fall zerbrechlich, trotzig und mit Haltung erwartet. „Marlene“ steigt von der Bühne herab und es ist klar, das ist der eigentliche Pop-Moment des Albums mit Drive im Dreivierteltakt. „Amateur Psychology“ nervöselt angesichts der Umgebung, hektische Streicher und wuchtige Gitarren wachsen mit Indie-Rock in die Höhe und gipfelt in Kiki Annettes mantraartigen Gesang: „I tied my tongue I bide my time / I only want what can’t be mine”.
„And Scene!“ ist wie ein guter Film gleichzeitig ein Liebesbrief und eine Warnung. Ein fahrendes Klangtheater, das gastiert, solange es gastiert – und dann weiterzieht, bevor man sich verabschieden kann. Der Abspann läuft und wie nach einer guten Show geht man doch mit etwas Gänsehaut hinaus ins Licht.
„And Scene!“ von Kiki Annette ist am 17. April 2026 bei ZIP Records erschienen.










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