Artarium: Der Fall Hagenbuch

Sonntag, 14. Oktober 2018 ab 17:06 Uhr (WH am Mo 15.10. ab 14:06 Uhr):
Hanns Dieter Hüsch ist schlechterdings eine Ikone unter den deutschsprachigen Humoristen. Überhaupst unter den “sprachigen”. Denn die feinsinnige Musikalität seines in Jahrzehnten hervorgebrachten Wortreichs bleibt beispielgebend, auch über seinen Tod hinaus. Dem entsprechend haben sich so unterschiedliche Künstlerkollegen wie etwa Reinhard Mey, Konstantin Wecker oder Blumfeld im unerschöpflichen Fundus des rastlosen Weltenerfinders mit Inspirationen versorgt. So stolperte auch ich vor kurzem über eins seiner figurenvollen Kopftheater aus den frühen 80ern. Beim Anhören von “Der Fall Hagenbuch” musste ich immer wieder an die frühen Texte von Thomas Bernhard denken, zum Beispiel den rundum schrägen “Ein eigenwilliger Autor”…
Schon in den 60ern war Hanns Dieter Hüschs Stimme omnipräsent, einerseits in Slapstick-TV-Serien wie Väter der Klamotte, Dick und Doof oder Männer ohne Nerven, andrerseits beim Quartett 67, einer schon etwas extremeren Politsatire. Später dann trug er seine eigenen Programme gern gestenreich aus Büchern vor, als welche dieselben auch immer erschienen. Worauf er sogar als “Vorlese-Opa” verhöhnt wurde, was an seiner Performance allerdings gröblich vorbei schrammt. Uns geht es hier in erster Linie um seine gefühlvolle und nuancenreiche Wortkunst, auf die man frei nach Ernst Jandl (ich dir zitieren einen gedichten) nur mit einem ehrfurchtsvollen “was für ein sprach!” antworten kann. Und naturgemäß auch um sein weitläufiges Themenspektrum, das uns stets aufs neue überrascht – und erheitert. Speziell beim “Fall Hagenbuch” handelt es sich um eine Hochform des literarischen Kabaretts, in dem ganz und gar nicht auf tagesaktuellem Politikgeschehen herumgeritten wird, sondern die bedenklichen (Un)zustände unserer Gesellschaft zu Tage treten, wie sie sich in den Gedankengängen der im “Haus Geistesnot” befindlichen Patient_innen widerspiegeln. Und – sind wir nicht alle oft mehr oder weniger “seitlich umgeknickt”?
Wenn Hagenbuch am Höhepunkt seiner Erregung mit dem Tambourin in die Suppe haut – sofort springt mir die finale Szene aus Bernhards “Der deutsche Mittagstisch” vor mein inneres Auge: “Nazisuppe! Nazisuppe!” Dass die Fetzen fliegen…
Norbert K. Hund Artarium
Sendungen zum Nachhören
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