Artarium: Mensch Masse Material
Sonntag, 18. April 2021 ab 17:06 Uhr (WH am Montag, 19. April ab 14:06 Uhr):
Wo hört Mensch auf? Und wo fängt Masse an? Eine entscheidende Voraussetzung für die herrschende Weltreligion vom unendlichen Immernochmehr ist die Vorstellung von Menschen (in unüberschaubar großer Anzahl) als Masse. Wie das Verhältnis von Masse und Macht funktioniert, hat zum Beispiel der große kleine Elias Canetti eingehend untersucht. Und wie sich eine Masse emotional steuern und so den jeweiligen Interessen der Wirtschaft und/oder der Regierung nutzbar machen lässt, das hat Edward Bernays in seinem Hauptwerk “Propaganda” ausführlich erklärt. Nachdem aber Joseph Goebbels als diabolischer Rumpelzwerg der Nazidiktatur andauernd mit dieser Technik (und auf diesem Begriff) herumgehupft ist, benannte man ihn flugs um – in “Public Relations”, abgekürzt PR.
Dabei gehen die Beobachtung und Erforschung von Masse und Macht weit zurück, so machte sich bereits im 5. vorchristlichen Jahrhundert Thukydides darüber Gedanken.
Wir ergänzen hierzu die Gefühle und Wahrnehmungen einzelner Menschen, die sehr unangenehm ausfallen können, sobald sich die manipulative Absicht hinter der Massenmenschhaltung offenbart. Hierbei untersuchen wir aber nicht die zeitlich befristete Entgrenzung durch “Aufgehen in der Menge” (oder eben “Masse”), wie sie bei Demonstrationen, Fußballspielen, Livekonzerten oder auf Musikfestivals stattzufinden pflegt. Nein, uns interessiert das dauerhafte Betrachtet- und somit Behandeltwerden des Individuums Mensch als anonymer Teil einer anonymen Masse. Entfremdung, Entmachtung, Entpersönlichung im industriellen Maßstab – durch ein neoliberales globalkapitalistisches System.
Dazu dienen uns drei Ausgangspunkte: Erstens das Empfinden, als individuelle Menschen zunehmend (von unbekannten Mächten – oder kennt man die doch?) wie maßstabgetreue Modellbaufiguren behandelt zu werden. “Ein Sackerl Fahrgäste”, hieß das früher bei der Märklin-Eisenbahn. Inzwischen finden sich die lebensecht dekorativen Plastikwichtel in allen Lebenslagen allüberall, wo die schöne neue Bevölkerung dargestellt werden soll. “And the’re all made out of Ticky-Tacky …”
Zweitens die Darstellung von “modernen Siedlungsformen” für die “breite Masse der Werktätigen”, wie sie in dem Malvina-Reynolds-Song “Little Boxes” (hier die Pete-Seeger-Version mit Bildern) punktgenau kritisch hinterfragt wird. Zu jeder Zeit wird der jeweils aktuelle Fortschritt zunächst begeistert bejubelt. Der Horror eines derart generalstabsmäßig geplanten (und verordneten) Glücks schleicht sich später ins gründlich getäuschte Gemüt. Noisy Pride – Little Boxes & Working Class Hero
Und drittens die doch wirklich vieles entlarvende Sprache oder wie Christopher Schmall bei seinem lyrischen Statement “Demaskieren der Gesinnung” auf die Begriffe “Humanressource” und “Humankapital” kommen MUSSTE. Unternehmen wir den Selbstversuch: Was macht das mit uns, wenn wir so als die breite Masse, Marktteilnehmer, Wirtschaftsfaktor, Zielgruppe, Hilfsempfänger, Leistungsträger, als systemrelevant oder statistisch vernachlässigbar angesprochen werden?
Norbert K. Hund, Artarium
Sendungen zum Nachhören
Takeshi’s Cashew
Dass es hier in nächster Zeit die eine oder andere musikalische Neuentdeckung zu erleben gibt, das hat sehr viel mit Hans Webersdorfer zu tun. Besser gesagt mit der nach ihm benannten Straße im Süden Salzburgs. Dorthin werde ich nämlich jetzt eine Zeit lang unterwegs sein.…
Austrodrama – Album von Mwita Mataro
Machen wirs kurz: Im Jahr 2025, als wir selbst gerade mit der Produktion unserer dokumentarischen Erzählung “IN BETWEEN. Ein Doppelportrait” beschäftigt waren, geriet ein lieber Kollege, den ich noch aus seiner Salzburger Zeit kenne, in den Fokus unserer Aufmerksamkeit. Mwita Mataro hatte da soeben seinen…
A Mediterranean Odyssey
Nach über 15 Jahren gedeihlicher Zusammenarbeit schließt sich hiermit einer von nicht wenigen Kreisen, die eine spontan-assoziative, musik/textdramaturgische sowie themenvielfältige Arbeitsweise wie die unsere immer und immer wieder in neugieriger Bewegung gehalten haben. “A Mediterranean Odyssey” von Loreena McKennitt, ein ganzes Album, das im Zusammenwirken…
Die Hundeblume
Ein Mann sitzt im Gefängnis. Warum? Für wie lange? Man weiß es nicht. Das einzige, was wir wissen, ist, dass er in Einzelhaft ist und dass er sich dabei sehr genau beobachtet: “Und nun hat man mich mit dem Wesen allein gelassen, nein, nicht nur…
Das wilde Denken
Aha, wohl eine Sendung über Hannah Arendt, die ja gesagt haben soll, “Denken ist Zwiesprache mit sich selbst.“ Und über die unlängst ein ziemlich genialer Dokumentarfilm mit dem Titel “Denken ist gefährlich” erschienen ist? Aber nicht doch … oder … das kommt schon auch noch.…

Lass' uns einen Kommentar da