Artarium: Tocotronic – Schall & Wahn
Sonntag, 11. August 2019 ab 17:00 Uhr:

Seit dem Erscheinen des Tocotronic-Albums “Schall & Wahn” anno domino 2010 juckt es mich speziell zur Festspielzeit immer wieder, dieses wahre Meisterwerk in seiner vollen Länge von über 55 Minuten zu spielen. Jetzt ist es endlich soweit, zumal der Herr Hase und ich heuer eine entsprechend vertrackte Nachtfahrt namens “Wallfahrt nach St. Moloch”gestalten, in welcher wir die sonderbare Vorherrschaft der “Hochkultur” aufs Korn nehmen. Und was könnte dazu besser passen als ein paar dieser unverwechselbaren Dirk-von-Lowtzow-Texte, kunstvoll eingebettet in symphonische Noise-Gitarren? Bei Songtiteln wie “Schall & Wahn” oder “Keine Meisterwerke mehr” ziehts mir ja gleich den ganzen salzburgischen Festspielmoloch aus dem Verdrängungskerker.
Zwar waren Tocotronic (wie eben so vieles) in meinem Bewusstsein schon seit einiger Zeit nicht mehr so frontal vorhanden wie anno damals, doch dann hörte ich plötzlich wieder die wunderbare Abspannmusik zu Fatih Akins Film “Tschick” – Dirk von Lowtzow und Beatsteaks mit “French Disko” – und konnte mich der Hypnose dieser Stimme nicht mehr entziehen. So wie “Gift” eben auch verschiedenste Bedeutungen wiederspiegelt: Ein süßer Rausch aus Wortwitz und Poesie erhellt uns die Welt vor der Katerstrophe, dem Untergang, der dann auch nur vielleicht stattfindet. Unsere Kapitulation IST schon der Sieg. Ätsch! Bilddenkmenschen unter sich oder Warum Diskurswerfen keine olympische Disziplin darstellt… Zurück zu meinem persönlichen Festspieltrauma:“Die Folter endet nie” und “Gesang des Tyrannen” stehen hier prototypisch für jede ungewollt erlittene Unterdrückung. Und auch die Identifikation mit dem Aggressor (das Stockholm-Syndrom) findet hier seine Entsprechung, oder, wie es Arno Gruen ausdrückt, der Augenblick, “in dem das Vertrauen in den Terror kippt”. “Eure Liebe tötet mich” entlarvt nicht nur die Lüge von den guten Eltern (sowie überhaupt jeder “Obrigkeit, die es nur gut mit uns meint”), sondern zeigt auch die Ambivalenz der mit dem Erkennen dieses Betrugs verbundenen Gefühle. “Ein leiser Hauch von Terror”
Womit also beginnen, in dieser Zweckmühle, wo die verordnete Heimatliebe zugleich Widerstand und Geborgeheit auslöst? “Im Zweifel für den Zweifel” wäre ein Anfang. Oder hörts euch einfach die ganze Playlist an – und denkts euch selber was dabei…
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