Hörsturz #11: Gegen die Litfaßsäulierung.

Irgendwann einmal hat ein Mann, der wohlgemerkt seine Heimatstadt nie auch nur einen Tag verlassen hat, geschrieben, man solle sich doch bitteschön des eigenen Verstandes bedienen, die eigene Autonomie genießen.
Und recht hat er gehabt. Jahrhundertelang wurde den Menschen — im Wortsinn — vorgebetet, was sie zu denken, sagen und fühlen hätten. Damit war ab da an Schluss, und diese Idee sollte im weiteren Verlauf eine ordentliche Erfolgsstory werden. Geköpfte Könige, ausgerufene Republiken und Wissenschaft inklusive, und irgendwann später dann noch ein paar Upgrades, etwa hinsichtlich der Frage, wer mit wem wie sanktionslos schlafen darf. Sicherlich. Ein paar Irrwege (Granderwasser, Heroin auf Rezept, Skirennen) waren dabei, aber wo gehobelt wird, fallen Späne, würde der historische Dialektiker sagen.
Dummheit & Algorithmen
Anno 2026 sind nur noch Residuen besagten Verstandes einsatzfähig. Was einst das polierte Schwert der Aufklärung war, gleicht nun einem leidlich schönen Buttermesser aus dem Nachlass der Erbtante. Man könnte nun auf die unzählbaren Schauplätze der beständig wütenden Culture Wars verweisen. Culture Wars, in denen darum gerungen wird, welcher Schokoriegel der wokeste bzw. unwokeste ist. Man könnte Corona und Trump anführen als die ultimativen Ereignisse, die das Flötengehen jeglicher Vernunft illustrieren. Alles schon geschehen, in tausendfacher Ausführung; von sehr gut bis (meistens) ultragrottig.
Darum soll hier auch auf einen anderen Aspekt hingewiesen werden. Einen womöglich viel grundlegenderen. Die lebensumfassende Bevormundung erlebt ihr großes Comeback. Aber nicht in der klassischen Form als Direktiven seitens Adel und Klerus (wenngleich diese hierzulande eh nie ganz weg waren), sondern dergestalt, dass ein großer Teil der medialen Inhalte, die man den lieben langen Tag konsumiert — spaßeshalber, um sich zu informieren oder aus welchen Gründen auch immer — einem vorgesetzt werden à la: „Gegessen wird, was auf den Tisch kommt.“ Und das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Hat man als junger Mensch irgendwann einen veritablen Rappel bekommen, wenn Eltern, Lehrer:innen oder andere Autoritätspersonen zu viele Entscheidungen vorweggenommen haben, so funktioniert das Gros der Medien nach dieser Logik. In einer Welt, die den Menschen vor allem medial vermittelt gegenübertritt, kommt das einer Revolution gleich.
Von Algorithmen zu Clickbaits
Diverse Studien bestätigen den immensen und zunehmenden Einfluss von Algorithmen auf das, was geschaut, gehört und gelesen wird und noch mehr auf das Wie. Als Sekundäreffekt kommt es zu einer Neuarrangierung des Verhältnisses von Form und Inhalt. Inhalte werden so zurechtgebogen und designt, dass sie in einer durch Algorithmen geformten Medienwelt bestmöglich performen: kurz und verkürzt und maximal kontrovers. Gute Performance kann sich vielgestaltig zeigen: Clickbait-Headlines für die wütenden Kommentare, die wiederum die Sichtbarkeit in online Suchmaschinen erhöht; durchdachtes Interfacedesign, das ein stundenlanges Klebenbleiben fördert.
Nicht nur ist ein autonomer, selbstbewusster Konsum unter diesen Vorzeichen nicht mehr möglich, er wird viel mehr systematisch hintertrieben. Ein Spotify-Executive soll gesagt haben, dass der größte Konkurrent des schwedischen Musikstreamers nicht andere, vergleichbare Dienste sind, sondern die Stille selbst. Dieser konzeptuelle Zugang zeigt, was die hintergründigen Motive sind: Die Nutzer:innen sollen einerseits möglichst lange dem Dienst treu bleiben — ja, abhängig gemacht werden—, um stete Aboeinnahmen zu lukrieren. Damit Hand in Hand geht: je länger man auf einem Dienst verweilt, desto mehr Werbung ist man ausgesetzt. Die zentrale Finanzierungssäule des gegenwärtigen Internets.
Die Internet-Revolution als Boomerang
Aus der versprochenen Internet-Revolution, den etablierten Medien und Verbreitungskanälen von Information und Unterhaltung eines auszuwischen, sich dezentral zu organisieren, die Nische zu stärken, spontan zu sein, wurde ein Boomerang. Aus der erhofften digital-globalen Agora wurde eine schnöde Litfaßsäule. Statt genuinem, orginellen Content erwarteten die Rezipient*innen Inhalte, von denen immer auszugehen ist, dass sie am Ende Werbung sind. Manchmal halbwegs gut getarnt, manchmal stumpf und bar jeder Kreativität in your face. Wer meint, diese Dynamik mache an der Grenze zwischen digitaler und analoger Welt halt, der irrt gewaltig.
Auch klassische Radios und Zeitungen dienen sich den Hör- und Lesegewohnheiten der digital Geschädigten an und imitieren die Funktionsweise der Tech-Platzhirsche: Radioprogramme müssen „durchhörbar” sein, der Meinungsteil in Zeitungen wird immer größer. Einer kritischen Auseinandersetzung mit der einen umgebenden Welt wird so entgegengewirkt. Berieselung und latente Dauererregung werden zu den Eckpfeilern in der Konzeption jeglicher Medien. Man ahnt, wohin dieses Argument — zumal es im Hörsturz abgedruckt ist — steuert. Aber Stopp: Das soll nicht dazu verleiten, den nichtkommerziellen Rundfunk als eine Insel der Seligen zu betrachten, die am Rande der Weltkugel fernab der Stürme der Gegenwart ihr Dasein fristen, von der aus man verträumt-überheblich auf algorithmusgetriebene Content-Knechte der kommerziellen (Sozialen) Medien, blickt. Allein hinsichtlich der Finanzierung der Sender wird ersichtlich, dass man ganz und gar nicht der Welt, in der konsequent jeder Quadratmillimeter auf Vermarktbarkeit geprüft wird, enthoben, sondern zur Profanität angehalten ist. Dieser Verbandelung muss man sich aufs Äußerte bewusstmachen.
Die Brandschneise
Es gibt jedoch eine Brandschneise, die so schnell nicht überwunden wird: Die grundsätzliche Nicht-Kommerzialität. Im Selbstverständnis der Sender, im eigenen Radioethos, tagtäglich gelebt und gesendet von tausenden Sendungsmacher:innen. Das ist der Hügel, von dem aus die Freien Sender sich dagegen wehren, nur eine weitere banale Litfaßsäule im Slop- Sumpf der Tech-Epoche zu werden.
David Mehlhart koordiniert in der Radiofabrik die unerhört!-Redaktion und die Lehrredaktion. Außerdem ist er Redakteur der Werkspost.










Lass' uns einen Kommentar da