Geschichten und Geschichte
Artarium
Sonntag, 30. Januar 2022 ab 17:06 Uhr
Es gibt Geschichten, die uns Menschen erzählen, die etwas selbst erlebt haben. Und es gibt “die Geschichte”, die in Büchern steht, weil sie eine ominöse “Schreibung” irgendwann festgehalten hat. Die von Menschen selbst erzählten Geschichten wirken wie eine Schutzimpfung – gegen die Ansteckung mit irgendwie willkürlich oder einseitig “uminterpretierter Geschichte”. Die Entwicklung des österreichischen Geschichtsverständnisses im Hinblick auf die NS-Vergangenheit – vom Opfermythos über die Waldheim-Affäre bis hin zur Anerkennung der Mittäterschaft – beweist ihre Abhängigkeit von den jeweils vorherrschenden “gesellschaftlichen Strömungen”. Die erzählten Geschichten von Zeitzeug*innen stellen Ankerpunkte dar, um “die Geschichte” daran festzumachen.

Und so begegnen uns heute drei Menschen, die, wiewohl jüdischer Herkunft, auf unterschiedlichste Weise dem Vernichtungswahn der NS-Verbrecher entrinnen konnten. Ihre Geschichte(n) übermitteln wir ebenso unterschiedlich ins Hier und Jetzt. In eine Gegenwart, die vor allem Anwesenheit bedeutet. In die Begegenwart sozusagen. Etwa Arik Brauer, dessen Kindheit (und Überleben) in Wien die wunderbare Helene Maimann in einem intimen Filmportrait nachzeichnet. Endlich, nach über 50 Jahren, erfahren wir die Geschichte, die hinter dem Lied vom Spiritus steckt. Damals, vor 50 Jahren, zu Beginn der sagenhaften 70er, einer Zeit der Aufbrüche und Umwälzungen, entdeckte ich noch ein anderes Lied des phantastischen Realisten, das meine Welt gründlich verändern sollte: Sein Köpferl im Sand. In dieser von mir erlebten Geschichte kommt der zweite Überlebende zum Vorschein, nämlich Bruno Kreisky, dessen Geschichte von einer rundum befreienden Atmosphäre alle hier erzählten Geschichten verbindet. “Österreich modernisieren” ist ja derart paradox, es könnte ein jüdischer Witz sein.
“Wie Österreich ausgschaut hat, bevor der drankam, das könnts ihr Jüngeren euch gar nicht vorstellen.” Das sagt der Dritte im Bund, André Heller, über jene Aufbruchszeit. Und erst kürzlich beschrieb er den Aberwitz seines Daseins – im Rahmen von “Mein Hauskonzert” – “Wenn der Mussolini nicht 1938 meinen Vater aus dem Gefängnis gerettet hätte, dann würd ich heut nicht dastehen und singen können.” Wie wesentlich wird sein Dasein für die nachfolgenden Generationen und weit über den jüdischen Kulturkreis hinaus sein? Hören wir dazu die Neufassung von Dem Milners Trern.
Weiterführend empfehlen wir die Zeitschrift “Alpendistel” sowie die dazugehörige Sendereihe, wo man sich über die Entwicklung von Erinnerungskultur, auch über den Tod der Zeitzeug*innen hinaus, nützliche Gedanken macht. Zum Beispiel einFeature mit Robert Kleindienst über seinen aktuellen Roman “Zeit der Häutung”.
Zur Sendungsseite: Artarium
Alles zum Nachhören gibt es unten oder HIER
Sendungen zum Nachhören
Lost & Found Lyrics & Songs
In welche Richtung fließt der Fluss der Zeit? Bilddenkmenschen verfügen ja über erstaunliche Fähigkeiten: Sie können in ihrer Phantasie die Geschwindigkeit des Zeitablaufs verlangsamen oder beschleunigen. Sie können in die jeweilige Sequenz hinein oder aus ihr heraus zoomen. Und sie können den ganzen Film auch…
Immanuel Kant im Café Bazar
FRAGE: “Werden sie von ihren Kindern noch um Rat gefragt?” FAKT: “Laut Studien fragt nur noch die Hälfte der Kinder und Jugendlichen ihre Eltern, Lehrer oder andere nahe Erwachsene um Informationen oder um Rat bei all den Fragen, die das Erwachsenwerden so mit sich bringt.”…
The Dark Side Of The Moon
Zum 50. Jubiläum? Eines im Jahr 1973 erstmals erschienen Albums? Heuer? Nun, bei diesem im wahrsten Sinn epochemachenden Kapitel der Musikgeschichte soll in unserem Fall auch meiner persönlichen Erstbesteigung – besser gesagt Erstbehörung – im Jahr 1976 gedacht werden. So wie jedweder erstmaligen Begegnung mit diesem…
Takeshi’s Cashew
Dass es hier in nächster Zeit die eine oder andere musikalische Neuentdeckung zu erleben gibt, das hat sehr viel mit Hans Webersdorfer zu tun. Besser gesagt mit der nach ihm benannten Straße im Süden Salzburgs. Dorthin werde ich nämlich jetzt eine Zeit lang unterwegs sein.…
Austrodrama – Album von Mwita Mataro
Machen wirs kurz: Im Jahr 2025, als wir selbst gerade mit der Produktion unserer dokumentarischen Erzählung “IN BETWEEN. Ein Doppelportrait” beschäftigt waren, geriet ein lieber Kollege, den ich noch aus seiner Salzburger Zeit kenne, in den Fokus unserer Aufmerksamkeit. Mwita Mataro hatte da soeben seinen…

Lass' uns einen Kommentar da