Artarium: Gloria in excentris verbis
Sonntag, 9. August 2020 ab 17:06 Uhr (WH am Mi, 10.8. ab 14:06 Uhr):

Liebe Festspielgemeinde! Selbstredend erweisen auch wir den Hundertjährigen unsere herzhafte Würdigung. Wobei, beim irgendwie ewigen Jedermann wäre “Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand” durchaus eine erfreuliche Weiterentwicklung – des Themas wie auch der Geschichte. (Da gibts ein geiles Buch UND einen geilen Filmübrigens). Sic transit gloria mundi oder Was ist wesentlich – in dieser Welt? Doch wie sehr wir auch herumwedeln mit dem “griechisch-lateinischen Flüchtlingsgepäck aus dem andachtskapitalistischen Meinungs-KZ” (so Uwe Dick zur katholischen Erziehung), die Salzburger Festspiele bleiben (auch und erst recht in ihrer Jubiläumsausgabe) ein abgezäunter Privatbesitz – und für Glanz und Gloria der Geldmachtwerte reserviert.
Apropos ewig – beim gestrigen Jedermann schob sich mir wieder einmal die ganze Ambivalenz des Salzburger Welttheaterbetriebes ins Bewusstsein, so dass ich sprach: “Ich bin zutiefst zerteilt.” Denn die dramaturgische Leistung, die dabei gezeigt wurde, war atemberaubend und holte aus dem klobigen Text Nuancen heraus, die ich in ihm nie vermutet hätte. Chapeau! Die Schöpferkraft aller Mitwirkenden (vom Hauptdarsteller bis zum Helferlein, und das gilt für die gesamten Festspiele) ringt einem immer wieder Respekt und Bewunderung ab. Dahingegen ist Hofmannsthals österreichbesoffenes Geschwurbel vom “theresianischen Menschen” sowie von “Geist und Sittlichkeit”ein übles Plädoyer für die Bewahrung der etablierten Herrschaft von Besitz, Kircheund Staat im neuen Gewand von Deutsch-Restösterreich nach dem Ersten Weltkrieg. Inwieweit dieses geistige Erbe in die Bundesverfassung von 1920 hineingewirkt hat – und inwieweit es als unausgesprochenes Leitmotiv dieses von ihm mitbegründeten Hochkulturspektakels wahrnehmbar bleibt – das überlassen wir eurem Geruchssinn.
Inzwischen (!) wenden wir uns einer verbürgt fortschrittlicheren Veranstaltung aus dem Hause Salzburg zu: “Zwischen Mund und Arten” – eine Lesung mit Musik oder eine Musik mit Lesung oder überhaupt eine Collage aus “lyrischen Schlagabtäuschen und unterschwelligen Zusammenhängen”, dramaturgisch durchbrochen von Dialektgepunk aus dem Pongau – die unlängst im Rahmen des löblichen Festivals Zwischenräume gezeigt wurde. Und naturgemäß werden wir auch eure Kreativität kitzeln sowie eure Lachmuskeln wiederbeleben – mit fürwahr großen Monologen der Kleinkunst…
Gloria Victoria – widewitt bumbum!
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Sendungen zum Nachhören
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