Hörenswert: Jonathan Bree – „Don’t Call It Love“

Düster schleicht sich Jonathan Bree mit „Don’t Call It Love“ aus dem Schatten heraus in unser Bewusstsein, mit Lo-Fi-Indie, Art Pop und Saxofon, samtenen Bässen, unterkühlten 80er-Synths und dem feinen Duft von gefährlicher Hingabe.
Hörenswert. Das RF-Album der Woche ist zu hören am Freitag, 23.10.2026 ab 14:06 Uhr, Wiederholung am Donnerstag, 5.11.26 ab 00:00 Uhr.
Manchmal reicht ein einziges Flüstern in einer straßenlaternengelben Nacht, um das Fundament der eigenen Realität ins Wanken zu bringen – oder ein sehr eindeutiges Albumcover. Der neuseeländische Crooner Jonathan Bree hat mit seinem sechstes Studiowerk „Don’t Call It Love“ kein Album geschaffen, sondern eine abgründige Versuchung, ein doppelköpfiges Klangmonument über die Abgründe der Intimität und subversive Erotik. Und das klingt jetzt genauso poetisch wie Brees Perfektion des Künstlichen: Schon an der Seite von Heather Mansfield in den Indie-Pop-Ikonen The Brunettes wandelte er Duette in intime Miniatur-Theaterstücke um, in denen Niedlichkeit und Rollenspiel die simpel wirkende Romantik gebrochen spiegelten. Über seine Soloalben, u. a. „The Primrose Path“ (2013) oder „Pre-Code Hollywood“ (2023, für Titeltrack und die Hit-Single „Miss You“ war Bowie-Produzent Nile Rodgers an der Funk-Gitarre) verfeinerte er mit unverwechselbarer tiefer Baritonstimme – die die Synth-Pop-Schwester von jener von A.S. Fanning sein könnte – seine cineastische Klangsprache. Weltbekannt wurde er zudem durch den Megahit „Cigarette Duet“ mit Princess Chelsea und das ikonische Video zu „You’re So Cool“.

Brees Ästhetik chargiert zwischen Faszination und Unheimlichkeit: Gesichtslos, verhüllt hinter makellosen weißen Spandex-Masken und Topf-Perücken, eine schaurige, universelle Projektionsfläche, die den Menschen hinter dem Kunstprojekt vollkommen auslöscht.
Mit „Don’t Call It Love“ treibt Jonathan Bree das Spiel mit den Identitäten auf den absoluten Höhepunkt. Ein dunkel schimmernder Teppich aus pulsierenden Bassläufen, klappernden Drums und opulenten Streicher-Schwellern wellt langsam unter Brees samtig-kühler Stimme, die direkt aus den Tiefen der Instrumentierung zu erwachsen scheint. Die Klangarchitektur erinnert an die filmischen Welten von David Lynch; Vertrautes verwandelt sich schleichend in Beklemmendes, Motive kehren verändert zurück, Wahrheiten verschwimmen. Das Album scheint zu tänzeln, die Single „Part-Time Lover“ pulsiert dekadent im Duett mit Brees langjähriger Weggefährtin Princess Chelsea aus der Perspektive heimlicher Liebender, die im Dunkel verlassener Straßen nach transzendenter Zuflucht suchen. Brees eisgekühlter Sprechgesang und die verlockende Süße von Chelseas Stimme versprühen den lasziven Charme der frühen New Order oder The Cure: ein düsterer 80er-Moment im Rausch der Anonymität.
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Mehr Informationen(Jonathan Bree feat. Princess Chelsea – „Slow“)
„Is this love, dependence, escape, or simply the need to cast someone as hero and someone else as villain?
Across this absorbing and frequently unsettling album, Bree refuses to settle it.“ (13thfloor.co.nz)
Rollenspiele, Marionetten und Puppenspieler ziehen sich durch das gesamte Album, ebenso die weiblichen Gaststimmen: Eloïse Labarbe-Lafon (Bambi) im verträumten „Chameleon“, Rachel Clarke im doppelbödigen „Savour My Love“ oder Adah Dylan und Amber Ramsay – Brees Gegenüber wechselt ständig und doch bleibt eine unauflösbare Einsamkeit. Jeder Track sucht nach Halt am Boden, verfällt im nächsten Moment in hochfrequente Signale, wie auf der Suche nach einer Sphäre, die es vielleicht nicht gibt. Don’t call it love, wenn du dir nicht sicher bist.
Und so ist Brees Künstlichkeit in seiner cineastischen Schönheit nicht das Negieren der Menschlichkeit, sondern ihr Schutz. Die beklemmenden, hypnoseartigen Schleifen, die das Album durchziehen, geben immer wieder kleine glimmende Funken im Inneren von „Don’t Call It Love“ frei: Tief drinnen ist der Mensch noch nicht erloschen.
„Don’t Call It Love“ von Jonathan Bree ist am 28. August 2026 bei Lil Chief Records erschienen.

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