Perlentaucher Nachtfahrt: Fetzenspielsommer
Freitag, 14. August 2020 ab 22 Uhr:
Verehrtes Publikum! Die Salzenburger Fetzenspiele, wie der geniale Ernst Jandl einst dieses österreichische Kultursymbol (nebst Operam, Burgentheatern und Schrammenmusik) bezeichnete, finden auch heuer, im 100. Jahr nach ihrer Gründung, wieder statt. Und das, obwohl die COVID-19-Pandemie sonstüberall den Hochkulturbetrieb stillgelegt hat. Das große Welttheater hängt förmlich in Fetzen. “Wir wollen keine Ausnahme”, sprach unsere Lieblingspräsidentin, und promt öffnete das alljährliche Schaulaufen der Systemelefanten als einziges internationales Kunstfestival seine Pfort*innen für die zahlende Kundschaft. Das wird fürwahr ein fröhlicher Fetzenspielsommer. Und heißt Fetzentandler nicht auf Wienerisch Kleidergeschäft? Maske auf und los gehts…
Garantiert virenfrei (weil im Radio) sind unsere Einlassungen rund um ein selbstgemachtes Programm, ein wahres Festspiel der Herzen. Ein etwas anderer Ohrenschmaus der Phantasien und Wünsche. Wir spielen quasi mit der Liturgie einer allsommerlich zelebrierten Messe und eines diese Stadt unentrinnbar prägenden Hochamts der Kunst und … “Des Satans Fangnetz in der Welt hat keinen andern Nam’ als Geld.” Was würdest du dir wünschen, was kunnst du dir vorstellen, dass es im Rahmen der altehrwürdigen (manche meinen auch “zu Tode tradierten”) Festspiele stattfinden sollte – wenn du deren Intendant*in bezw. künstlerische Leiter*in wärst? Wohin könnte sich die 100-jährige Institution weiter entwickeln? Welche bislang nicht (oder kaum) in Erscheinung getretenen Kunst- und Gestaltungsformen sollten künftig stärker vertreten sein? Und welche etablierten Traditionen wären (auch in gewandelter Gestalt) erhaltenswert? Setze selbst Schwerpunkte – und erlebe, wie Beton schmeckt.
Wie prophetisch Kunst ist veranschaulicht dieses Bild: Die Behauptung, ein Ohr für die Sorgen und Nöte der einfachen Menschen (des “gemeinen” Volks) zu haben, erweist sich speziell bei näherer Betrachtung als Kunststoff-Kulisse. “Ich bin die Volkspartei”, sprach die Kirche, “und wer nicht für ihn ist, ist widerlich.” Eine Idee, die sich allerdings “vor der schönsten Domfassade” genauso niemals inszenieren wird lasssen wie vor 70 Jahren Bertolt Brechts Salzburger Totentanz. Im Kopftheater unserer Vorstellung dahingegen geht alles, und so wird es eine Eröffnungsfeier mit Ernst Jandl geben, eine Lesung mit PeterLicht, eine längst überfällige Würdigung des Komponisten Frank Zappa sowie des legendären Cellisten Wolfram Huschke. Dazu Beiträge und Collagen von und mit Markus Hinterhäuser, Wilfried Haslauer, Helga Rabl-Stadler und Gerard Mortier, naturgemäß durch den Wortwolf gedreht vom Verein der Freunde der Gegenkultur (im Schatten der Mozartkugel)… Unser Fetzenspielsommer soll das Fadenscheinige entlarven, das Unvollendete einen guten Tag sein lassen – und das Zukurzgekommene in ein etwas anderes Bewusstsein rufen. Der Geldkoffer heißt nämlich nicht nur so – er ist auch einer.
Wer nichts wird verwirrt (halt nicht uns).
Sendungen zum Nachhören
Was urlauben sie sich? (Perlentaucher CXCVIII)
Der Begriff, der dem heutigen Wortspiel zugrunde liegt, geht zunächst von der Bedeutung “gern haben” und “gut heißen” aus und ist mit Worten wie “lieb”, “loben” und “glauben” verwandt. Doch schon im Hochmittelalter (so zwischen 1050 und 1350) findet eine Verengung der Begriffe statt, die…
Perlentaucher unterwegs (Episode CXCVII)
Zugegeben, zu diesem Titel hat mich unter anderem auch eine legendäre Radiosendung des ORF, nämlich “Autofahrer unterwegs” (1957 – 1999) angeregt. Der konnte damals, “als das Kind noch ein Kind war”, wirklich niemand entkommen, sofern ein Radio auch nur in der Nähe war. Also auch…
Vom Fallen zum Fliegen (Perlentaucher CXCVI)
Es gibt zwei Formen menschlicher Bewegung (oder besser Bewegtheit?), bei denen wir “den Boden unter den Füßen verlieren” oder aber “das Gewohnte hinter uns lassen, weil wir bemerken, dass uns Flügel wachsen”. Beiden gemeinsam ist “die etwas (eigentlich sogar sehr) andere Fortbewegung” – nämlich durch die…
Menschenvernichtungsmaschine (Perlentaucher CXCV)
Was für ein Wort – und wie es zustande gekommen ist. Es trifft ein jedem Menschen innewohnendes Grundgefühl, ungeachtet dessen, ob das nun verdrängt, verleugnet, verboten oder unterdrückt ist. Die Diktatur der guten Laune herrscht doch nicht nur irgendwie “da draußen”, sie findet zugleich auch…
Eigensinnig (Perlentaucher CXCIV)
Was ist das … “eigensinnig sein” … und was kann es für die Entwicklung des Menschenwelpen zum vollausgebildeten Homo sapiens bedeuten? Unlängst tauchte aus den Untiefen der europäischen Kulturgeschichte ein ebenso erschreckendes wie erhellendes Dokument (wieder) auf, nämlich eines der kürzesten Märchen aus der berühmten…

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